ICN Friedrich Dürrenmatt | Neuchâtel | Switzerland

Intercity Tilting Train (ICN) Friedrich Dürrenmatt (RABDe 500 009-6) at Neuchâtel railway station. The street in the background is faubourg de la Gare. Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) was a playwright, novelist, and essayist. Since 1952 he lived in Neuchâtel.

So läßt sich Ihren tragischen Grotesken auch die Schweiz als Groteske gegenüberstellen: als ein Gefängnis, als ein freilich ziemlich anderes, als es die Gefängnisse waren, in die Sie geworfen wurden, lieber Havel, als ein Gefängnis, wohinein sich die Schweizer geflüchtet haben. Weil alles außerhalb des Gefängnisses übereinander herfiel und weil sie nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden, fühlen sich die Schweizer frei, freier als alle andern Menschen, frei als Gefangene im Gefängnis ihrer Neutralität. Es gibt nur eine Schwierigkeit für dieses Gefängnis, nämlich die, zu beweisen, daß es kein Gefängnis ist, sondern ein Hort der Freiheit, ist doch von außen gesehen ein Gefängnis ein Gefängnis und seine Insassen Gefangene, und wer gefangen ist, ist nicht frei: Als frei gelten für die Außenwelt nur die Wärter, denn wären diese nicht frei, wären sie ja Gefangene. Um diesen Widerspruch zu lösen, führten die Gefangenen die allgemeine Wärterpflicht ein: Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit. Der Schweizer hat damit den dialektischen Vorteil, daß er gleichzeitig frei, Gefangener und Wärter ist.

Friedrich Dürrenmatt “Die Schweiz – ein Gefängnis: Rede auf Václav Havel”
in: “Kants Hoffnung” Zürich 1991

Die Schweiz – ein Gefängnis: Rede auf Václav Havel, 1990-11-22, video, 18 min.

Thus Switzerland can be juxtaposed with your tragic grotesques as another kind of grotesque: a prison, albeit very different from the kinds of prisons into which you were thrown, dear Havel; a prison in which the Swiss have taken refuge. Because there was mayhem outside the prison and because only in prison can they be safe from attack, the Swiss feel free, freer than other people, free as prisoners in the prison of their neutrality. There is only one problem for this prison, namely that of proving that it is not a prison but a bulwark of freedom, since seen from outside, a prison is a prison and its inmates are prisoners, and prisoners are not free. To the outside world, only the guards are free, for if they were not free, they would be prisoners. In order to solve this contradiction, the prisoners have introduced universal guard duty: by being his own guard, every prisoner proves his freedom. The Swiss, therefore, have the dialectical advantage of being at one and the same time free, a prisoner, and a guard.

Friedrich Dürrenmatt “Switzerland–A Prison: A Speech for Václav Havel”
in: “Selected Writings Vol. 3” Chicago 2006

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